„Wenn
man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem
schon sichtbar - denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond - uns
entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und
zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir
werden ihn weiter laufen lassen.
Denn es ist Nacht, und wir können nicht
dafür, dass die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht
haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen
beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht
will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht
wissen die zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder auf eigene
Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der
erste Waffen.
Und endlich, dürfen wir nicht müde sein,
haben wir nicht so viel Wein getrunken? Wir sind froh, dass wir auch den
zweiten nicht mehr sehn.“
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Franz Kafka |
Diese
Parabel von Franz Kafka stammt aus dem Jahre 1908. Ist sie nicht hochaktuell?
Können wir uns nicht wiederfinden in dem Mann, der sich heraushalten will und
unendlich viel Ausreden, Entschuldigungen, Rechtfertigungen findet, damit ihm
das gelingt?
Das
ist sicher: Katharina Kasper hat den armen, schwachen, leidenden Menschen
gesehen. Und sie dankte dafür, dass sie sah und packte an.
Kafka
kritisiert die Haltung des Sich-heraushaltens, des Sich-nicht-einmischens. Aber
diese Haltung ist doch ganz menschlich. Was könnte, sollte uns bewegen, es
anders zu machen? Vielleicht hat der Jude Kafka jenes große Gebot im Hinterkopf
gehabt: „Du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all
deinen Gedanken und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Dtn 6,5, Lev 19,18)
Und Katharina Kasper? Ihr ganzes Leben ist ein Zeugnis für ihre Motivation, so
zu handeln, wie sie es getan hat. Und viele ihrer Briefe machen deutlich, woher
sie ihre Kraft und - ja, und auch die Legitimation des Eingreifens nahm. Im
März 1890 schreibt sie z.B. an Schwester Martha in den USA:
„Ich gebe Ihnen den Rat für
jede Stelle und jede Handlungsweise: dem lieben Gott sich überlassen, alles aus
Liebe und zur Ehre Gottes tun zu wollen, so wird der liebe Gott Ihnen allezeit
zu Hilfe kommen. Er wird Sie erleuchten, das Rechte zu erkennen, und stärken,
dasselbe auszuüben; aber auch tröstet uns Gott. So gehen Sie denn in aller
Demut und im Vertrauen auf Gott mit kindlicher Liebe von einem Tage zum andern
weiter, und Sie werden sehen und erfahren, dass es besser geht und dass alles Schwere
leicht wird.“ (Brief
169)
Wir
leben in einer Zeit, in der die Nacht schon weit fortgeschritten ist. Aber es
ist Vollmond. Wir sehen. Wir sehen z.B. den zunehmenden Werteverlust, die
zunehmende Missachtung des menschlichen Lebens, die zunehmende
Glaubenslosigkeit. Wir sind müde, - ja, natürlich. Aber ist das ein Grund, sich
nicht einzumischen? Haben wir der Nacht nicht unendlich viel entgegenzusetzen? Nur
- sind wir überhaupt selbst noch davon überzeugt?
Dürfen
wir nicht müde sein? Nein, denn es geht um mehr als darum, dass es dem
einzelnen gut geht. Es geht um den Menschen und seine Würde. Es geht um Gott,
den Freund des Lebens, der Mensch wurde, damit wir als Menschen leben können.
STH